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Kennen Sie schon das Versal-Eszett?

Kennen Sie schon das Versal-Eszett?

Das Versal-Eszett feiert seinen 9. Jahrestag am 4. April

Im deutschen und österreichischen Alphabet gibt es für jeden der 30 Kleinbuchstaben eine entsprechende Großbuchstaben-Variante. Nur das Eszett bildet eine Ausnahme – eigentlich. Denn viele Leute wissen nicht, dass es auch ein Versal-Eszett gibt. Dabei wurde das große Eszett schon vor fast einem Jahrzehnt, am 4.4.2008, in den Unicode-Standard aufgenommen und ist somit auf zahlreichen elektronischen Geräten verwendbar. Trotzdem ist es nur wenigen bekannt. Anlässlich des 9. Jahrestages des Versal-Eszett, wird es Zeit, das zu ändern. Im folgenden Text erfahren Sie alles, was Sie zum großgeschriebenen ß wissen müssen.

Versaleszett

Das ẞ – Ist es überhaupt Teil des Alphabets?

Offiziell gehört das große Eszett noch nicht zur amtlichen deutschen Rechtschreibung. Dennoch ist es im Unicode-Standard an Platz U+1E9E vertreten und steht jedem frei zur Verfügung. Am 8.12.2016 legte jedoch der Rat für Rechtschreibung einen Bericht an die Konferenz der Kultusminister der Länder vor, der zwei Vorschläge beinhaltete. Einer dieser Vorschläge war die Aufnahme des ẞ in das deutsche Alphabet.

Warum brauchen wir eigentlich ein Versal-Eszett? Und wieso gab es nie eins?

Das Fehlen eines großgeschriebenen Eszett im deutschen und österreichischen Alphabet führt zu mehr Problemen in der Schriftanwendung als man meinen könnte. Lange Zeit bestand schlichtweg kein Bedarf für ein ẞ. Schließlich stand der Buchstabe nie am Satzanfang und die altdeutsche (gebrochene) Schrift wurde so gut wie nie wegen ihrer ausladenden Form in den Versalsatz gesetzt. Damals war die Lücke im deutschen Alphabet kein Problem – heute ist sie das durchaus.

Mittlerweile verwendet man eigentlich nur noch die runde, sogenannte Antiqua-Schrift. Diese kann aber auch im Versalsatz stehen, deshalb muss es also zwangsweise jeden Kleinbuchstaben auch als großgeschriebene Variante geben. Gerade heutzutage kann man fast überall die Verwendung des Versalsatzes beobachten: ob auf Klingel-, Straßen- oder Ladenschildern, Werbeplakaten, Inschriften oder Gravuren. Dementsprechend häufig kommt es also vor, dass ein großes ß benötigt wird. Bisher wurde dieses immer (orthografisch korrekt) durch ein SS oder ein kleines ß ersetzt. Eine Notlösung, die auch einige Probleme mit sich bringt.

Problem 1

Die Aussprache-Regelung wird aufgehoben

Die Rechtschreibreform legte klar fest, dass Vokale vor einem SS kurz auszusprechen seien und vor einem ß lang. Diese Regelung wurde gut aufgenommen und ist einfach zu verstehen. Wenn man das Eszett nun im Versalsatz durch ein Doppel-S ersetzt, kann es sehr schnell zu Missverständnissen und Doppeldeutigkeiten kommen, weil die Ausspracheregeln aufgehoben werden. Die Wörter Maße und Masse kann man beispielsweise in gemischter Schreibweise noch unterscheiden, doch im Versalsatz wird aus beiden das Wort MASSE. Geübte Leser können die richtige Bedeutung zwar in den meisten Fällen aus dem Kontext erschließen, dennoch ist dieser Umstand äußerst ärgerlich.

Problem 2

Kleines ß im Versalsatz, Doppel-S im gemischten Satz

Genauso oft, wie das Eszett durch ein Doppel-S im Versalsatz ersetzt wird, kann man auch ein kleingeschriebenes ß inmitten von Großbuchstaben entdecken, so auch beispielsweise im Personalausweis. Diese Variante ist typografisch weniger schön und lesbar. Die momentan korrekte Versal-Schreibweise mit SS führt wiederum auch dazu, dass das Doppel-S Einzug im gemischten Satz findet, wo eigentlich ein ß angebracht wäre (zum Beispiel Spass anstatt von Spaß). Es gibt keine Eins-zu-Eins-Entsprechung im deutschen und österreichischen Alphabet, was der Grund für diese zahlreichen, fehlerhaften Schreibweisen ist.

Problem 3

Die Schreibung von Eigennamen

Die vorangegangenen Probleme bestehen zwar, sind aber noch lösbar. Anders verhält es sich mit der Schreibung von Eigennamen. Ein Eszett im Namen ist nicht selten und es kommt auch vor, dass der Name oder die Adresse für bestimmte Angaben in Versalien gesetzt werden muss. So wird der Name Meißner beispielsweise aufgelöst zu MEISSNER. Danach ist allerdings nicht mehr erkennbar, ob der Name nun Meißner oder Meissner lautet. Die Ersetzung SS steht nämlich nicht exklusiv für das Eszett, ein Computer kann im Versalsatz nicht erkennen, welche Variante zutreffend ist. Deshalb werden ß und SS notgedrungen als identisch angesehen; es kann also passieren, dass zwischen zwei verschiedenen Datensätzen nicht mehr unterschieden werden kann.

All diese Probleme wären mit der Schaffung eines Versal-Eszett im deutschen und österreichischen Alphabet schlagartig beseitigt. Deshalb wäre die Anerkennung des Buchstabens auch so wichtig.

Wie soll das versale Eszett letzten Endes aussehen?

Wenn man sich nun also für die Aufnahme des Versal-Eszett in das Alphabet entscheidet, stellt sich natürlich die Frage der Gestaltung. Das Design des Buchstabens kann nicht zentral von einer Institution festgelegt werden. Also ist es Aufgabe der Schriftgestalter ein Design für das versale Eszett zu entwickeln. Es gibt bereits zahlreiche verschiedene Varianten, von denen eine die bisher aussichtsreichste ist und der Sie auch schon im Text begegnet sind: das ẞ, eine »versalisierte« Version des kleinen Eszett, die sich auch schon im Unicode-Standard etabliert hat. Da diese Variante dem ursprünglichen ß noch verhältnismäßig ähnelt, fällt es auch leichter, sich daran dauerhaft zu gewöhnen. Versal-Eszett, die diesem Design folgen, treten immer häufiger in aktuellen Medien auf.

Was spricht gegen die Einführung eines Versal-Eszett?

Kritiker des ẞ verweisen immer wieder auf die Herkunft des Buchstabens. Diese ist zwar nicht vollständig geklärt, man geht aber davon aus, dass der Ursprung des ß in einer Ligatur liegt, also einer Verbindung zweier Buchstaben zu einer Drucktype. Demnach handele es sich beim Eszett nicht um einen vollwertigen Buchstaben, der einer großgeschriebenen Variante bedarf, sondern um eine simple Buchstabenverbindung. Da das Eszett durch die Rechtschreibreform 1996-2006 endgültig als eigenständiger und sprachlich notwendiger Buchstabe anerkannt wurde, ist diese Argumentation jedoch hinfällig.

Hätte das ẞ überhaupt eine Zukunft?

Als ein weiterer Grund wird auch häufig angeführt, dass sich das Versal-Eszett nie in das Alphabet eingliedern würde und von der breiten Masse wegen seiner Neuheit nicht anerkannt und auch nicht verwendet werden würde. Doch die Einführung der Großbuchstaben-Umlaute Ä, Ö und Ü (die es anfangs auch nur als Kleinbuchstaben gab und aus einer Ligatur entstanden sind!) hat schon einmal gezeigt, wie schnell sich neue Buchstaben etablieren können. Das Prinzip ist das gleiche, also liegt die Vermutung nahe, dass das Versal-Eszett genauso akzeptiert wird und die Umstellung ebenso reibungslos und innerhalb weniger Jahre vonstatten geht.

Jeden Tag sind wir von Schrift und Sprache umgeben. Sie sind ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens und wir haben uns auch dementsprechend lange an sie gewöhnt. Ein völlig neuer Buchstabe wirkt deshalb erst einmal wie ein Fremdkörper im Alphabet. Aber da die Umstellung auf Großbuchstaben-Umlaute auch so gut funktionierte, und es sich dabei sogar um drei neue Versalien handelte, kann man davon ausgehen, dass die Schaffung eines Versal-Eszett und dessen Verwendung auch nur eine Frage der Gewöhnung ist.

Die Einführung eines versalen Eszett würde zahlreiche, momentane Probleme in der deutschen Schriftanwendung lösen. Auch die versalen Umlaute werden heute als absolut selbstverständlich betrachtet und sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Genauso kann es sich mit dem ẞ verhalten.

Noch steht es jedem frei, das Versal-Eszett zu benutzen, aber mit Hinblick auf den Vorschlag des Rechtschreibrats im Dezember 2016, könnte es auch schon bald offiziell in das deutsche und österreichische Alphabet aufgenommen werden.

Weiterführende Literatur

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